Heidelberger Institut für Filmgeschichte(n)

Stummfilmsymposium 2016 - Der subjektive Faktor.

 

 

Das 9. Stummfilm-Symposium,

29. und 30. April 2017

 

Stadt- und Nachtgestalten. Zur Darstellung des Großstadtlebens in den Filmen der Weimarer Republik

 

Die glitzernde Lichterwelt der nächtlichen Stadt lockt mit buntem Trubel, mit Rausch und Vergnügen. Sie weckt verborgene Wünsche und die Sehnsucht nach Freiheit und Leben. Sie reizt all jene, denen ihre eigene kleine Welt zu eng geworden ist, die ein Abenteuer suchen, den Ausbruch. Immer wieder begegnet man in den sogenannten „Straßenfilmen“ der Weimarer Republik dem Motiv des ausbrechenden deutschen Kleinbürgers. In einer einzigen Nacht setzt er alles aufs Spiel, lässt Regeln und Konventionen hinter sich, um aus dem Vollen zu schöpfen. Die Figuren bewegen sich dabei als Getriebene durch Filmstädte, die nicht nur Orte der Handlungen sind, sondern auch die - meist zerrissenen - Innenwelten ihrer Protagonisten spiegeln. Denn Bürgerlichkeit und Straße passen nicht zusammen. Und wer nicht rechtzeitig umkehrt, geht zu Grunde.

 

Live musikalisch begleitet u. a. von GLASWALD, Moritz Noll und David Serebrjanik


 

Samstag, 29.04.2017

 

18.00 Uhr

 

DIE STRASSE

 

Deutschland 1923 R: Karl Grune D: Eugen Klöpfer, Aud Egede Nissen, Lucie u. a. 89 min. 35mm

 

Sehnsüchtig blickt ein Mann aus dem Fenster. Vor seinen Augen entfaltet sich das turbulente Panorama der nächtlichen Großstadt mit all ihren Versprechungen. Schließlich hält ihn nichts mehr in seinen biederen Wohnung. Die Enge, die Alltäglichkeit, die Monotonie seines Kleinbürgerdaseins treibt ihn in das Leben der Straßen. Er feiert, er spielt und sieht als krönenden Abschluss schon die hübschen Arme einer jungen Frau um sich. Doch die und ihre zwielichtigen Partner haben ganz andere Pläne.

Stilistisch zwischen Expressionismus und Naturalismus angesiedelt, besticht dieser Film durch witzige Bildeinfälle,Trickmontagen und einer Ausstattung, an der u.a. der Maler Ludwig Meidner beteiligt war.

 

 

21.00 Uhr

VON MORGENS BIS MITTERNACHTS

 

Deutschland 1920 R: Karlheinz Martin D: Ernst Deutsch, Erna Morena, Roma Bahn, u. a. 73 min. digital

 

Eingesperrt hinter seinem Schalter, zwängt sich das Gesicht des Kassierers durch die enge Öffnung eines Fensterchens und sieht die Verführung des wahren Lebens in Gestalt einer mondänen Frau. Ein Griff in die Kasse und er beginnt als Dieb eine gehetzte Reise durch die Nacht. Doch eine urbane Verlockung nach der anderen entpuppt sich als Illusion, als Trugbild.

Nach dem gleichnamigen Stationendrama von Georg Kaiser entwirft Karlheinz Martin noch vor dem „Caligari“ den eigentlich ersten expressionistischen Film. Schrill, ungewöhnlich und bestechend das radikale Szenenbild. Ein Werk, das die Erfahrungen der Desorientierung in einer verzerrten und unheimlichen Stadt wiedergibt.

 

 

Sonntag, 30.04.2017

17.00 Uhr

DIRNENTRAGÖDIE

 

Deutschland 1927 R: Bruno Rahn D: Asta Nielsen, Oskar Homolka, Hilde Jennings 86 min. 16mm

Eines Nachts liest Auguste, eine alternde Prostituierte, einen jungen Mann in den Straßen der Stadt auf, der aus dem behüteten Schoß seiner Familie ausgerissen ist. Sie nimmt sich seiner an, schmeißt seinetwegen sogar ihren Zuhälter Anton aus dem Haus und träumt von einer gemeinsamen bürgerlichen Zukunft. Doch Anton sorgt dafür, dass sich der Student in Clarissa, Augustes jüngere Kollegin verliebt. Der Verlust treibt sie an den Rand des Wahnsinns und sie entwickelt einen teuflischen Plan.

 

Asta Nielsen beeindruckt einmal mehr in der Hauptrolle Auguste: „Senkt die Fahnen vor ihr, denn durch ihre Kunst wird selbst der Absturz des alternden Weibes zum steilen Aufstieg der Schauspielerin“ (Béla Baláz)

 

 

19.30 Uhr

ABWEGE

 

Deutschland 1928 R: Georg Wilhelm Pabst D: Brigitte Helm, Gustav Diessl, Hertha von Walther, u. a. 98 min. digital

Die bildschöne Irene langweilt sich in ihrer gutbürgerlichen Ehe: Ihr Mann scheint seiner Arbeit mehr Aufmerksamkeit zu widmen als ihr. Frustriert und vernachlässigt, beginnt sie sich einen Ausbruch zu erträumen, als sie bemerkt, dass ein junger Maler ihr Porträt zeichnet. Sie folgt ihm ins nächtliche Berlin, verliert sich dort im wilden Taumel der Tanzclubs und stürzt sich in eine Affäre mit einem Boxer. Ihr Mann, dem Irenes Eskapaden nicht entgehen, versucht schließlich sie im Atelier des Malers zu stellen.

 

Meisterhaft inszeniert Pabst das nächtliche Treiben im „Sodom Berlin“: Exzess und Überschreitung in der Pose des glitzernden Glamours.

 

 

 

 

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