Stummfilmsymposium 2016

8. Stummfilm-Symposium

 

Der subjektive Faktor. Alltagsexperimente im frühen sowjetischen Film.

 

Das Stummfilm-Symposium befasst sich dieses Mal mit dem russischen Kino der post-revolutionären Phase. Neben den unvergesslichen Neuerungen der experimentierfreudigen Avantgarde, entstehen in den späten zwanziger Jahren Filme, die im persönlichen Motiv die Auswirkungen der sozialen Bewegung aufzeigen. Eisenstein schreibt dazu: Die neue Gesellschaft wirkt sich auch im Fühlen und Denken des Einzelnen aus.Vor diesem Hintergrund widmen wir uns den Alltagskomödien und psychologischen Kammerspielen. Filme, die versuchen in konkreten menschlichen Beziehungen die ungeheuren Umwälzungen innerhalb der neuen Gesellschaftsordnung darzustellen. Dabei lassen wir vor allem diejenigen Regisseure hervortreten, die vom Kanon oftmals vernachlässigt werden. Die ausgewählten Werke bestechen nicht nur formal, sondern auch durch überraschende Frische, Präzision und Humor.

 

Live-musikalisch begleitet werden die Filme u.a. von GLASWALD, ELEMENTS OF TOMORROW, Florin Küppers, Stephan Pfalzgraf, Lukas Jank, Johannes Engelhardt, sowie Ruven Wegner.

 

 

Samstag, 16. April

 

19.00 Uhr

 

Bett und Sofa (TRETJA MESCHANSKAJA)

SU 1927 / R: Abram Room / D: Nikolai Batalow, Ljudmila Semjonowa, Wladimir Vogel / 95 Min



Ein Moskauer Ehepaar überlässt ihrem wohnungslosen Freund das Sofa. Bald entdeckt Ljudmila, dass sich der Gast als verständnisvollerer Partner zeigt und nun ist der Ehemann derjenige, der eine neue Bleibe braucht. Doch die Wohnungsnot ist groß im Moskau der zwanziger Jahre und so bleibt den Dreien nur Bett und Sofa bis Ljudmila feststellt, dass sie schwanger ist. Doch von wem?

Inspiriert durch einen Zeitungsartikel, der von einer Dreiecksbeziehung handelte und der Selbstverständlichkeit mit der das Trio zu ihrer Form des Zusammenlebens stand, beleuchtet Abram Room virtuos ein Versuchsfeld des menschlichen Miteinanders auf engstem Raum. Gekonnt die Balance haltend zwischen Komik und Drama schließt der Film mit einem überraschenden Ende.





21.30 Uhr



Nach dem Gesetz (PO ZAKONU)

SU 1926 / R: Lew Kuleschow / D: Alexandra Chochlowa, Sergej Komarow, Wladimir Vogel / 78 Min

In den Weiten Alaskas befindet sich eine Gruppe Abenteurer im Goldrausch. Doch Dennin, der Ire, ermordet aus Kränkung zwei der Kameraden. Das Ehepaar Nilsen kann ihn überwältigen, aber vom Hochwasser des Yukon eingeschlossen, sind sie gezwungen mit dem Mörder wochenlang in der Hütte auszuharren. Gefangene, die einen Gefangenen bewachen bis sie beschließen, ihn selbst zu richten: „Wir werden mit Ihnen nach dem Gesetz verfahren.“ Es kommt zum Prozess.

Messerscharf montiertes Drama von Kuleschow, der es versteht, in seinen Bildern durch jede Geste, jede Bewegung mit minimalsten Mitteln eine größtmögliche Intensität zu erzeugen. Ein Meisterwerk!

 

 

Sonntag, 17. April

 

19.00 Uhr

 

Das Haus in der Trubnaja-Straße (DOM NA TRUBNOJ)

 

SU 1928 / R: Boris Barnet /D: Wera Maretzkaja, Wladimir Vogel / 91 Min

 

Paranja, ein junges Mädchen vom Lande kommt mit einer Ente nach Moskau. In einem Mietshaus findet sie zwar glücklicherweise Unterkunft und Arbeit, doch wird sie von dem Friseur Golikow und seiner faulen Frau als unregistriertes Dienstmädchen ausgenutzt. Inmitten der schönsten Verwirrungen lernt Paranja mit Hilfe der Partei im Großstadtleben zurechtzukommen. Da kommt es schon einmal vor, dass sie angesteckt von der allgemeinen Euphorie bei einem Theaterstück über die französische Revolution den konterrevolutionären General schlichtweg von der Bühne prügelt.

In seiner turbulenten Komödie voller Witz und Einfallsreichtum zieht Boris Barnet alle Register seines Könnens.

 

 

 

 

21.15 Uhr

 

Der Mann, der sein Gedächtnis verlor (OBLOMOK IMPERII)

 

SU 1929 / R: Friedrich M. Ermler / D: Fjodor Nikitin, Ljudmila Semjonowa / 96 Min

 

Ein junger Soldat verliert inmitten der Wirren und Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges sein Gedächtnis.10 Jahre lang kann er sich nicht einmal an seinen Namen erinnern bis er durch eine zufällige kurze Begegnung mit seiner Frau wieder zu sich findet. Voller Eifer macht sich Filimonow nun auf den Weg nach St. Petersburg, um sein altes Leben wieder aufzunehmen. Doch St. Petersburg ist jetzt Leningrad und staunend entdeckt Filimonow, dass die Welt, in der er einst lebte, eine andere geworden ist.

Friedrich Ermlers letzter Stummfilm ist nicht nur sein reifstes Werk dieser Phase, sondern auch das künstlerisch bemerkenswerteste.