Stummfilmsymposium 2015

Stummfilm-Symposium 7: Das japanische Kino der 20er und 30er Jahre


Das 7. Stummfilm-Symposium im Heidelberger Karlstorkino blickt dieses Jahr auf die Filmgeschichte Ostasiens. Vom 11. bis zum 12. April steht das japanische Kino der 1920er und 1930er Jahre im Mittelpunkt. Bevor die Welt und die internationale Filmkritik durch Kurosawas "Rashomon" (1950) auf Japans Filmproduktion und seine herausragenden Regisseure aufmerksam wurde, blühte dort bereits lange zuvor eine ungewöhnlich rege Filmindustrie, die sich nach ihrer anfänglich engen Verbundenheit zum Theater, nun davon löst und sich dem Film und seinen gestalterischen Mitteln voll und ganz zuwendet.Das Kanto-Beben von 1923 hat faktisch das ganze Archiverbe des frühen japanischen Films vernichtet. Das Symposium konzentriert sich vor diesem Hintergrund auf die Filmgeschichte der 20er und 30er Jahre, die gleichzeitig auch die gesellschaftliche Dynamik Japans reflektieren. So sind zunehmend Protagonisten aus den unteren Schichten, im sogenannten shomingeki, auf der Leinwand präsent. Figuren, die vom Publikum überrascht und wohlwollend wahrgenommen wurden, spiegelten sie doch die Konflikte des Alltäglichen wider. Im Gegensatz zum historischen Drama, dem zweiten großen Genre, konzentriert sich nun das Kino in Tokio nach 1923 auf die neu entstandene Klasse der Büroangestellten und deren Familien. Die Filmstudios beschreiben ein Bild der kleinen Leute mit all ihren Sorgen und Nöten, spielen aber auch mit dem Gegensatz zwischen dem souveränen westlichen Erscheinungsbild und der Bevormundung durch die Firmenhierarchien.Wie in den Jahren zuvor werden die Filme live musikalisch begleitet, zudem gibt es vor jedem Film eine Einführung.

 


Spielplan: Samstag, 11.04.2015


18.00 Uhr DER WANDERSCHAUSPIELER (Ukikusa monogatari)1934, R: Ozu Yasujirô, 86 min, OmdtU


Eine wandernde Theatertruppe kommt in einer Kleinstadt an. Nicht nur das Publikum freut sich über die willkommene Unterhaltung, sondern auch Kihachi, beliebter Schauspieler und Chef des Ensembles, freut sich über das Wiedersehen mit Otsune. Eine Frau mit der ihn weit mehr verbindet als alte Bekanntschaft, denn sie ist Kichachis frühere Geliebte und Mutter seines Sohnes. Doch dieser, ein junger Student, soll nichts von seinem Vater erfahren, ihn lieber weiterhin als Onkel betrachten, der gerne Zeit mit ihm verbringt, wenn es seine Reisen gestatten. Als Kihachis aktuelle Geliebte von seinen Besuchen bei Otsune erfährt, stellt die Eifersüchtige ihm und seinem Sohn eine bösartige Falle.Einer der letzten Stummfilme von Ozu Yasujirô, der den mehrfach in seinen Filmen auftretenden Kihachi-Charakter dieses mal die Unmöglichkeit begreifen lässt, in ein bürgerliches Leben zurückzukehren.


21.00 Uhr A PAGE OF MADNESS (Kurutta ippēji)1926, R:Kinugasa Teinosuke, 78 min, OmeU


Ein ekstatischer Tanz in einer Zelle, der Regen peitscht wie Musik dazu gegen die Mauern, die Füße der Tänzerin bluten, doch die Vision scheint sie zu beglücken. Diese Szene ist der Auftakt zu einer atemlosen, rasenden Reise durch das Innere einer Irrenanstalt. Kinugasa Teinosuke zeigt in diesem viel beachteten, aber schwer verständlichen Avantgarde-Film, ein gänzlich anderes Familienbild, Eines, das zerbrochen ist. Dennoch sind die Figuren aneinander gekettet: durch das, was einmal war und nie mehr sein kann.



Sonntag, 12.04.2015


18.00 Uhr TRÄUME JEDE NACHT (Yogoto no yume)1933, R: Naruse Mikio, 64 min, OmeU


Omitsu, eine junge Mutter, schlägt sich im Hafenviertel von Yokohama als Barmädchen durch, als eines Tages der Vater ihres Sohnes, elend und heruntergekommen, wieder vor der Tür steht. Trotz ihres anfänglichen Zorns, beschließt sie ihren Mann Mizuhara wieder bei sich aufzunehmen, um dem Kind eine vollständige Familie zu bieten. Doch die Suche nach Arbeit gestaltet sich schwierig für den glücklosen Mann. Seine traurige Erscheinung überzeugt keinen der potenziellen Arbeitgeber, obwohl er sich verzweifelt bemüht, zumal er Omitsu nicht länger in einer verrufenen Hafenbar sehen will. Ein plötzlicher Unfall bringt ihn schließlich an seine moralischen Grenzen.Regisseur Naruse Mikio wurde nach erheblichen Anfangsschwierigkeiten zu einem der prägenden Filmemacher Japans. Kennzeichnend für ihn sind die ungewöhnlichen Frauengestalten, die sich trotz ihres sozialen Status ihre Autonomie erkämpfen. Kurishima Sumiko (1902-1987), die den Part der Omitsu spielt, gilt als einer der ersten weiblichen Stars im japanischen Film.



20.00 Uhr ICH WURDE GEBOREN, ABER... (Umarete wa mita keredo…)1932, R: Ozu Yasujirô, 100 min, OmeU


Ein Vorort von Tokio, der Umzugswagen rollt, mit im Gepäck der Familie die beiden Söhne, die sich in der neuen Umgebung erst einmal zurecht finden müssen. Der erste Schultag wird prompt geschwänzt, denn weder Unterricht noch die Aussicht von den einheimischen Jungen verdroschen zu werden, lockt die Brüder. Stattdessen verbummeln sie den Tag im Freien, verhelfen sich schlicht selbst zu einer guten Note bei den Schularbeiten und freunden sich mit einem Lieferjungen an. Dieser hilft ihnen dabei, den führenden Raufbold in seine Schranken zu verweisen und die anderen Jungen erkennen die Beiden ohne Widerworte als neue Anführer an. Bald jedoch stellen die Söhne bitter fest, dass sich in der Welt der Erwachsenen die sozialen Verhältnisse nicht so einfach ändern lassen. Mit feinem Humor und psychologischer Genauigkeit inszeniert Regisseur Ozu Yasujirô die Situation der japanischen Familie aus der Sicht von Kindern. Der Film gilt als Ozus erstes Meisterwerk und wurde mit dem Kinema Junpō Award ausgezeichnet.